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Du weißt, ob ein Logo gut ist. Du weißt nur nicht, warum.

  • Autorenbild: Proportio Divina Design
    Proportio Divina Design
  • vor 1 Tag
  • 8 Min. Lesezeit

Du sitzt in einem Café und wartest auf Deinen Kaffee. Gegenüber hängt ein Schild: ein Friseursalon. Das Logo zeigt eine Schere, verschlungen mit einem Kamm, eingerahmt von einem Kreis, darunter der Name in einer geschwungenen Schrift. Du schaust hin, schaust weg – und hast es schon vergessen.


Zwei Straßen weiter ein anderer Friseursalon. Das Logo: ein einzelner, präzise gesetzter Buchstabe. Reduziert. Klar. Irgendwas daran bleibt hängen. Aber was?


Wenn Dich jemand fragen würde, warum das eine Logo besser wirkt als das andere, würdest Du vielleicht sagen: „Geschmackssache." Und genau da liegt der Irrtum, den dieser Beitrag ausräumen möchte. Denn was Du für Geschmack hältst, ist in Wahrheit Wahrnehmungspsychologie. Und die folgt Regeln, die seit über hundert Jahren erforscht sind.


Dieser Beitrag zeigt Dir, warum manche Logos sofort wirken und andere nicht. Nicht anhand von abstrakten Checklisten, sondern anhand von echten Beispielen, psychologischer Forschung und dem, was in Deinem Kopf passiert, wenn Du ein Logo siehst – ob Du willst oder nicht.


Was ein gutes Logo ausmacht – Komplexität vs. Klarheit im Logo-Design illustriert durch geometrische Konstruktion Proportio Divina Design


Warum Dein Gehirn in Millisekunden urteilt


Wenn Du ein Logo betrachtest, passiert in Deinem Kopf etwas, das Du nicht steuerst. Die Psychologen Rolf Reber und Norbert Schwarz haben 1999 in einem mittlerweile klassischen Experiment gezeigt, dass die sogenannte Processing Fluency – die Leichtigkeit, mit der Dein Gehirn eine Information verarbeitet – direkt beeinflusst, wie Du sie bewertest. Je müheloser etwas aufgenommen wird, desto kompetenter, vertrauenswürdiger und professioneller erscheint es Dir. Und das gilt nicht nur für Texte. Es gilt für alles, was Du visuell wahrnimmst – einschließlich Logos.


Das erklärt, warum ein überladenes Logo mit Schere, Kamm, Schnörkelschrift und Farbverlauf nicht nur „unruhig" wirkt, sondern buchstäblich als weniger professionell wahrgenommen wird. Dein Gehirn muss arbeiten, um es zu entschlüsseln – und diese Anstrengung überträgt es unbewusst auf die Marke dahinter. Psychologen nennen das den Halo-Effekt: Ein einziger Eindruck – in diesem Fall die visuelle Reibung – färbt Dein gesamtes Urteil über die Kompetenz, die Qualität und die Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens ein. Nicht weil Du das bewusst so entscheidest. Sondern weil Dein Gehirn Abkürzungen nimmt.


Eine 2025 im Journal of Business Research veröffentlichte Studie hat diesen Zusammenhang noch präziser aufgeschlüsselt: Einfache Logos steigern die wahrgenommene Kompetenz einer Marke, während komplexe Logos eher Wärme und Nahbarkeit vermitteln. Dieser Effekt wird über die psychologische Distanz vermittelt – einfache Logos wirken „weiter weg" und damit sachlicher, kompetenter. Beides hat seinen Platz. Aber für die meisten Unternehmen, die Professionalität und Verlässlichkeit ausstrahlen wollen, ist Klarheit der stärkere Hebel. Nicht weil es schöner ist – sondern weil Dein Gehirn es so liest.



Die unsichtbaren Regeln: Warum manche Logos sofort „klicken"


Hinter jedem Logo, das auf Anhieb funktioniert, stecken Prinzipien, die nichts mit kreativem Zufall zu tun haben. Die Gestaltpsychologie hat sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin und Frankfurt beschrieben – und sie gelten bis heute unverändert.


Closure ist vielleicht das mächtigste dieser Prinzipien. Es beschreibt die Tendenz Deines Gehirns, unvollständige Formen automatisch zu vervollständigen. Der WWF-Panda ist ein berühmtes Beispiel: Er besteht aus wenigen schwarzen Flächen mit großzügigem Weißraum dazwischen – und trotzdem siehst Du sofort einen vollständigen Panda. Die fehlenden Linien ergänzt Dein Gehirn von selbst. Dieser Moment der Vervollständigung erzeugt ein kleines „Aha!" – und genau dieses Aha ist der Grund, warum Du Dir den Panda merkst. Dein Gehirn war aktiv beteiligt. Und was wir aktiv mitgestalten, vergessen wir schwerer.


Prägnanz beschreibt, dass Dein Gehirn immer die einfachste mögliche Interpretation einer visuellen Form bevorzugt. Ein Logo, das aus wenigen, klaren Elementen besteht, wird schneller erkannt und besser erinnert als eines mit vielen konkurrierenden Details. Nicht weil Einfachheit „moderner" wäre, sondern weil Dein visuelles System unter Energiesparmodus arbeitet – es wählt den Weg des geringsten Widerstands.


Und dann gibt es Figure-Ground – das Spiel zwischen Vordergrund und Hintergrund. Herausragende Logos nutzen den Negativraum bewusst, um eine zweite Ebene einzubauen, die erst beim genaueren Hinsehen sichtbar wird. Was auf den ersten Blick Hintergrund ist, wird bei genauerem Hinsehen zum Bedeutungsträger.


Diese Prinzipien sind keine Designregeln, die sich irgendjemand ausgedacht hat. Es sind Gesetze der menschlichen Wahrnehmung. Wer sie versteht, gestaltet Logos, die im Gehirn einrasten. Wer sie nicht kennt, gestaltet Dekoration.



Der Aha-Effekt: Wenn ein Logo mehr erzählt, als es zeigt


Hier wird es besonders spannend. Denn der Unterschied zwischen einem soliden Logo und einem herausragenden Logo liegt nicht in der Schönheit – sondern in den Ebenen, die man erst beim zweiten Hinschauen entdeckt.


Das bekannteste Beispiel dafür ist der versteckte Pfeil im FedEx-Logo – der weiße Raum zwischen dem „E" und dem „x", der einen nach rechts zeigenden Pfeil bildet. Designer feiern dieses Detail seit Jahrzehnten als Meisterstück des Negativraum-Designs und als Beweis dafür, dass versteckte Symbole unbewusst wirken.


Aber stimmt das überhaupt? Eine peer-reviewte Studie, veröffentlicht 2023 in der Fachzeitschrift Consciousness and Cognition, hat genau das untersucht – mit einem eleganten Experiment, das auf dem klassischen Posner-Paradigma basiert. Das Ergebnis überrascht: Menschen nehmen den FedEx-Pfeil nicht unbewusst wahr. In vier Experimenten zeigte sich kein messbarer Einfluss des versteckten Pfeils auf die Aufmerksamkeitssteuerung der Probanden. 88 Prozent der Teilnehmer bemerkten den Pfeil während des gesamten Experiments nicht einmal.


Aber – und hier wird es für Logo-Design wirklich relevant – die Studie zeigte auch etwas Faszinierendes: Sobald Teilnehmer einmal über den Pfeil informiert wurden, veränderte sich dauerhaft, wie ihr visuelles System Logos mit Negativraum verarbeitete. Sie wurden signifikant schneller darin, Figur-Grund-Beziehungen zu erkennen. Das Wissen um die versteckte Ebene veränderte also nicht, was sie sahen – sondern wie ihr Gehirn grundsätzlich sah.


Was bedeutet das für Dein Logo? Versteckte Elemente wirken nicht magisch im Hintergrund. Sie wirken in dem Moment, in dem jemand sie entdeckt. Und genau dieser Moment der Entdeckung – „Oh, siehst Du den Pfeil?" – ist der Aha-Effekt, der ein Logo vom Vergessenen ins Unvergessliche befördert. Es ist der Moment, in dem aus passivem Betrachten aktives Erkennen wird. Und aktives Erkennen aktiviert das Belohnungssystem Deines Gehirns – Dopamin, das Molekül, das für Erinnerung und positive Verknüpfung zuständig ist.


Großartige Logos funktionieren sofort. Aber sie belohnen Dich dafür, dass Du genauer hinschaust.



Fallbeispiel: Unser Kunde Sascha Gramm – Vom Justiz-Klischee zum MonoGramm


Lass uns das an einem konkreten Beispiel, anhand einer unserer Kunden Sascha Gramm, greifbar machen.



Altes Rechtsanwalts-Logo mit Waage und Hammer – Beispiel für generisches Logo-Design ohne Wiedererkennungswert

Für das Logo-Redesign von Sascha Gramm, Rechtsanwalt und Notar aus Hannover, war die Ausgangslage symptomatisch: Das alte Logo zeigte eine Waage, einen Richterhammer, eingerahmt in eine wappenartige Form. Dann der Name in breiten Versalien, darunter „Rechtsanwaltskanzlei" in Kapitälchen. Auf den ersten Blick sieht es „juristisch" aus und genau da liegt das Problem – die Quintessenz des juristischen Branchenklischees. In Anwalts-Verzeichnissen war es zwischen Dutzenden identischer Logos nicht zu unterscheiden. Die Waage als Symbol ist in der Branche so überstrapaziert, dass sie null Wiedererkennung erzeugt. Dazu kommt: Das Logo ist bei kleiner Darstellung unleserlich, digital kaum einsetzbar, nicht responsivfähig und monochrom problematisch. Es hat keinen einzigen Aspekt, der „Sascha Gramm" sagt – und keinen einzigen Aspekt, der im Gedächtnis bleibt. Es könnte jeder sein.


Gutes Logo-Design für Rechtsanwalt Sascha Gramm – modernes Monogramm von Proportio Divina Design by Alex

Das neue Logo, das wir erstellt haben, verzichtet vollständig auf Justiz-Symbolik. Stattdessen: ein Monogramm. Die Buchstaben S und G verschmelzen zu einer einzigen, geometrisch präzisen Form – dem „MonoGramm". Das Wortspiel ist kein Zufall: Monogramm trifft auf den Nachnamen Gramm. Aber die Bedeutungsebene geht tiefer: Zwei Teile bilden ein Ganzes, genau wie Anwalt und Notar zwei Seiten derselben Kanzlei sind.


Die Konstruktion ist ruhig, mit ausgewogenen Radien und präzise gesetzten Schnittkanten. Keine filigranen Hohlräume, keine spitzen Ausläufer – dadurch funktioniert das Logo in jeder Größe, vom Favicon bis zur Gebäudefassade, vom Stempel bis zur Gravur. Die Serifentypografie stabilisiert Seriosität und bildet einen edlen Gegenpol zur modernen Bildmarke. Und die Tagline „Ein Gramm – Ihr Unterschied" macht den Nachnamen zum Versprechen: doppeldeutig, merkfähig, einladend.


Psychologisch passiert hier Folgendes: Durch den bewussten Verzicht auf das Branchenklischee entsteht Distinctiveness – das Logo fällt auf, weil es anders ist als alles, was man in der Branche erwartet. Gleichzeitig sorgt die reduzierte, geometrische Form für hohe Processing Fluency – es wird mühelos als kompetent wahrgenommen. Und die erzählerische Ebene (Mono + Gramm, zwei Teile = ein Ganzes, Name = Versprechen) gibt dem Betrachter etwas zum Entdecken. Der Halo-Effekt tut sein Übriges: Die wahrgenommene Qualität des Logos strahlt auf die wahrgenommene Qualität der Kanzlei ab.



Fallbeispiel: lärz.weiß – Von der Klischee-Sonne zur vielschichtigen Bildmarke


Altes Pflege-Logo mit Sonne und Dach – Beispiel für austauschbares Logo-Design mit Branchenklischee

Das alte Logo eines Pflege- und Therapieunternehmens: eine stilisierte Sonne mit ausladenden Strahlen über einem roten Dach-Symbol, daneben der Name in einer schweren, rundlichen Schrift. Sonne plus Dach – das ist das visuelle Äquivalent zur Waage beim Anwalt: der Pflege-Standard, den tausende Unternehmen verwenden. Die Formensprache ist inkonsistent – organische Sonnenstrahlen treffen auf ein geometrisches Dach, treffen auf eine völlig andere Schrift. Bei kleiner Darstellung verschwimmen die filigranen Strahlen zu einem unleserlichen Fleck. Keine Story, kein Aha, keine Ebene. Es könnte jeder Pflegedienst in Deutschland sein.



Was ein gutes Logo ausmacht – lärz.weiß Bildmarke mit versteckter Symbolik von Proportio Divina Design by Alex


Bei der Entwicklung des neuen Logos für lärz.weiß, ein Pflege- und Therapieunternehmen mit verschiedenen Einrichtungen, stand eine Frage im Zentrum: Wie kann ein Logo die Vielschichtigkeit der Dienstleistungen – von ambulanter Pflege bis Therapie – in einer einzigen Bildmarke einfangen? Die Lösung: ein Symbol, das mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt. Drei organische Formen bilden eine stilisierte Tulpe. Schaust Du genauer hin, erkennst Du die Initialen L und W. Und schaust Du noch genauer hin, siehst Du drei Menschen, die sich gegenseitig stützen. Die Dreiteiligkeit ist dabei kein Zufall: Sie steht konzeptionell für den ganzheitlichen Ansatz des Unternehmens – Körper, Geist und Soziales. Vier Lesarten in einem einzigen Symbol.


Die Typografie nimmt die organischen Rundungen der Bildmarke auf – alles atmet aus einem Guss. Der Abstand zwischen Symbol und Schrift folgt einem definierten Verhältnis, das auf harmonischen Proportionen wie dem goldenen Schnitt basiert. Und die Bildmarke ist abstrakt genug, um Submarken zu tragen: lärz.weiß gruppe, lärz.weiß therapie, lärz.weiß pflege – eine klare Dachstruktur, die aus einem einzigen visuellen System heraus funktioniert, ohne auf eine einzelne Spezialisierung festgelegt zu wirken.


Psychologisch arbeitet dieses Logo mit dem Gestalt-Prinzip der Closure in Reinform: Dein Gehirn vervollständigt aktiv die Tulpe, die Buchstaben, die Menschen. Jede neu entdeckte Bedeutungsebene ist ein kleiner Aha-Moment – und jeder dieser Momente verankert das Logo tiefer in Deiner Erinnerung. Genau wie beim FedEx-Pfeil gilt: Das Entdecken belohnt. Nur dass hier nicht eine versteckte Ebene wartet, sondern drei. Nicht durch Lautstärke, sondern durch Tiefe.



Warum „Gefällt mir" nicht reicht


Beide Fallbeispiele zeigen denselben Grundkonflikt: Die alten Logos haben vermutlich irgendwann irgendjemandem „gefallen". Aber sie haben nie funktioniert.


Und genau hier liegt der Denkfehler, der in der Praxis am häufigsten vorkommt: die Annahme, dass Logo-Design eine Geschmacksfrage ist. Dass der Kunde entscheidet, was gut aussieht, und der Designer es umsetzt. Aber Logo-Design ist eine Fachfrage. So wie Statik eine Fachfrage ist, auch wenn Dir das Haus am Ende gefallen soll. So wie eine medizinische Diagnose eine Fachfrage ist, auch wenn es um Deinen Körper geht.


Ich erlebe diesen Konflikt immer wieder: Ein Kunde zeigt mir sein bisheriges Logo und sagt, dass es ihm gefalle – aber dass es irgendwie nicht „zünde". Häufig in Sätzen wie "So irgendwie, aber eben anders.". Bei der Analyse stellt sich fast immer heraus: Das Logo mag subjektiv ansprechend sein, aber es erfüllt nicht die drei Dimensionen, die ein professionelles Logo erfüllen muss.


Ein gutes Logo Design muss drei Dinge gleichzeitig leisten:


Es muss psychologisch funktionieren – also die Gestalt-Prinzipien nutzen, Processing Fluency erzeugen und im besten Fall einen Aha-Effekt auslösen, der es unvergesslich macht.


Es muss technisch funktionieren – also in jeder Größe lesbar sein, monochrom bestehen, digital wie analog taugen und auf einem Favicon genauso wirken wie auf einer Fassade.


Es muss strategisch funktionieren – also eine Geschichte erzählen, die Marke differenzieren und flexibel genug sein, um mit dem Unternehmen zu wachsen.


Kein Bauchgefühl der Welt kann diese drei Dimensionen gleichzeitig bewerten. Dafür braucht es Erfahrung, Fachwissen und handwerkliche Präzision. Die Rolle des Designers ist nicht, Deinen Geschmack umzusetzen. Sondern Kompetenz einzubringen, die Du nicht haben musst – und die dafür sorgt, dass Dein Logo nicht nur Dir gefällt, sondern bei Deinen Kunden funktioniert.



Schau Dir Dein Logo mit neuen Augen an


Jetzt weißt Du, worauf es ankommt. Nicht auf Farben, die Dir persönlich gefallen. Nicht auf Symbole, die Deine Branche „darstellen". Sondern auf Klarheit, die Dein Gehirn entlastet. Auf Ebenen, die belohnen, wenn man genauer hinschaut. Auf Formen, die in jeder Größe bestehen. Auf eine Geschichte, die ohne Worte erzählt wird.


Schau Dir Dein eigenes Logo an – mit den Augen, die Du gerade geschärft hast. Erzählt es eine Geschichte? Funktioniert es als Favicon? Würde es auffallen in einem Meer aus Branchenklischees? Entdeckst Du beim zweiten Hinschauen etwas, das Du beim ersten nicht gesehen hast?


Wenn Du bei einer dieser Fragen zögerst – dann weißt Du jetzt zumindest, warum. Und das ist der erste Schritt.


 
 
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