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Google denkt nicht für Dich – aber es lernt von Dir. Wie funktioniert eine Suchmaschine wirklich.

  • Autorenbild: Proportio Divina Design
    Proportio Divina Design
  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit

Du öffnest Google, tippst ein paar Worte ein, klickst auf ein Ergebnis. Das Ganze dauert vielleicht zehn Sekunden. Was in diesen zehn Sekunden passiert – auf Deiner Seite und auf Googles Seite – ist allerdings alles andere als trivial. Und es hat mehr mit Psychologie zu tun, als die meisten ahnen.


Dieser Beitrag erklärt Dir, wie eine Suchmaschine funktioniert. Aber nicht wie die hundert anderen Beiträge, die Dir Crawling, Indexierung und Ranking erklären und es dabei belassen. Sondern so, dass Du verstehst, warum Du der eigentliche Grund bist, aus dem das alles funktioniert. Denn am Ende dieses Beitrags wirst Du Suchmaschinen mit anderen Augen sehen – und Deine eigene Website vermutlich auch.


Zwei Figuren schauen auf einen Laptop mit Suchmaschinen-Logo – symbolisiert, wie Menschen neugierig hinter die Funktionsweise von Suchmaschinen blicken.


Kurz und knackig: Was Suchmaschinen technisch tun


Bevor wir in die Tiefe gehen, das Fundament. Jede Suchmaschine arbeitet in drei Schritten:


Crawling:

Kleine Programme – sogenannte Crawler oder Bots – durchforsten permanent das Internet. Googles Crawler heißt Googlebot. Er folgt Links von Seite zu Seite, wie eine Spinne, die sich durch ihr Netz bewegt. Dabei scannt er Inhalte und sammelt Informationen. Nicht in Echtzeit, sondern systematisch. Google entscheidet über ein sogenanntes Crawl-Budget, wie oft und wie gründlich Deine Seite besucht wird – je relevanter und aktueller Deine Inhalte, desto häufiger.


Indexierung:

Die gesammelten Informationen werden analysiert und in einem riesigen Index gespeichert – einer Art digitaler Bibliothek. Nur was im Index landet, kann überhaupt in Suchergebnissen erscheinen. Und nicht alles, was gecrawlt wird, schafft es in den Index. Seiten mit dünnem Inhalt oder Duplikaten bleiben draußen.


Ranking:

Wenn Du eine Suchanfrage stellst, durchsucht der Algorithmus diesen Index und sortiert die Ergebnisse nach Relevanz. Platz 1 ist das Ergebnis, das Googles Algorithmus für Deine Anfrage am passendsten hält. Dafür nutzt Google laut der Aussage von Pandu Nayak, dem Leiter der Google-Suche, „vielleicht über hundert" verschiedene Ranking-Signale.


So weit, so bekannt. Aber jetzt kommt die Frage, die kaum jemand stellt: Woher weiß Google eigentlich, was „relevant" ist?



Du bist nicht der Nutzer. Du bist der Kunde - wie funktioniert eine Suchmaschine


Hier lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und über Googles Geschäftsmodell nachzudenken. Im Geschäftsjahr 2024 hat Alphabet – Googles Mutterkonzern – rund 350 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht. Davon stammen etwa 77 Prozent aus Werbung. Allein die Google-Suche hat 198 Milliarden Dollar eingespielt – mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes.


Das bedeutet: Google verdient sein Geld nicht mit Dir. Google verdient sein Geld wegen Dir. Werbetreibende zahlen, weil Du Google nutzt. Und Du nutzt Google, weil Du dort findest, was Du suchst. In dem Moment, in dem Google aufhört, Dir relevante Ergebnisse zu liefern, wechselst Du – zu Bing, zu Perplexity, zu ChatGPT. Und mit Dir gehen die Werbeeinnahmen.


Wie funktioniert eine Suchmaschine: Kreislauf-Diagramm der Google-Dreiecksbeziehung: Nutzer liefern Verhalten, Google liefert Relevanz, Anbieter zahlen mit Geld oder Content für Reichweite

Googles Investition in Deine Zufriedenheit ist also keine Nettigkeit. Sie ist existenziell. Jeder Algorithmus, jedes Update, jede Innovation dient letztlich einem Ziel: Dich als Nutzer zu halten. Weil Du der Grund bist, warum Werbetreibende bezahlen. Du bist nicht das Produkt – Du bist der Kunde, dessen Zufriedenheit das gesamte Geschäftsmodell trägt.



Die unsichtbare Abstimmung: Wie Dein Verhalten Google steuert


Und hier wird es psychologisch spannend. Im Mai 2024 wurden über 2.500 Seiten interner Google-Dokumentation geleakt – der sogenannte Google API Leak. Ergänzt durch die Aussagen von Pandu Nayak im US-Kartellverfahren gegen Google, wissen wir heute: Google nutzt ein System namens NavBoost, das Nutzerverhalten direkt in die Ranking-Bewertung einfließen lässt.


NavBoost trackt sogenannte „goodClicks", „badClicks" und „lastLongestClicks" – also ob Du ein Ergebnis angeklickt hast, wie lange Du dort geblieben bist und ob Du danach zur Suche zurückgekehrt bist. Die internen Dokumente beschreiben Nutzer als „Voters" und ihre Klicks als „Votes". Jede Deiner Interaktionen ist im Grunde eine Stimmabgabe darüber, ob ein Suchergebnis seinen Job gemacht hat.


Jahrelang hat Google öffentlich bestritten, dass Klickdaten direkte Ranking-Faktoren sind. Die geleakten Dokumente und Nayaks Aussage unter Eid beweisen das Gegenteil. NavBoost ist, in Nayaks eigenen Worten, „eines der wichtigen Signale". Es reduziert die Kandidatenliste von Zehntausenden möglicher Ergebnisse auf wenige Hundert, bevor die rechenintensiveren Ranking-Systeme die finale Reihenfolge bestimmen.


Mit anderen Worten: Bevor Google entscheidet, welche Seite Du sehen sollst, fragt es zuerst, welche Seiten andere Menschen in ähnlichen Situationen zufriedengestellt haben. Dein Klick ist kein passiver Akt. Er ist ein Signal, das zukünftige Suchergebnisse für alle mitbestimmt.



Dein Gehirn auf der Jagd: Warum Du klickst, was Du klickst


Aber warum klickst Du überhaupt, worauf Du klickst? Und warum bleibst Du auf manchen Seiten – und verlässt andere nach drei Sekunden?


Die Antwort liegt in einem Konzept, das die Psychologen Peter Pirolli und Stuart Card 1999 am Xerox PARC entwickelt haben: der Information Foraging Theory. Die Idee ist bestechend einfach: Menschen suchen im Internet nach Informationen, wie Tiere in der Natur nach Nahrung suchen. Wir folgen „Duftspuren" – sogenannten Information Scents – und bewerten an jedem Punkt, ob sich der Weg lohnt.


Konkret heißt das: Wenn Du auf der Suchergebnisseite einen Titel und eine Meta-Beschreibung siehst, bewertet Dein Gehirn blitzschnell: Führt mich das zu dem, was ich suche? Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass dabei dieselben Hirnregionen aktiv werden wie bei räumlicher Navigation und Belohnungserwartung. Der anteriore cinguläre Cortex – zuständig für Unsicherheit und Konflikte – wird aktiver, wenn der „Informationsgeruch" schwach ist. Das Striatum – Belohnungszentrum – feuert stärker, wenn der Scent stimmt.


Das passiert in Millisekunden. Unbewusst. Und es bestimmt, ob Du klickst oder nicht.


Pirolli und Card haben dafür eine Formel aufgestellt, die verblüffend an Kosten-Nutzen-Analysen aus der Ökonomie erinnert: Rate of Gain = Informationswert ÷ Kosten der Informationsbeschaffung. Du willst maximalen Informationswert bei minimalem Aufwand. Und genau das ist es, was Google Dir liefern muss. Und Dir liefert.



Satisficing: Warum „gut genug" Dein Standard ist


Hier kommt ein weiteres psychologisches Konzept ins Spiel, das direkt beeinflusst, wie Suchmaschinen funktionieren: Satisficing. Herbert Simon, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, prägte den Begriff 1956. Die Idee: Menschen suchen in den meisten Situationen nicht die optimale Lösung – sie suchen die erste Lösung, die gut genug ist.


Übertragen auf Dein Suchverhalten: Du scrollst nicht durch zehn Seiten Google-Ergebnisse, um den absolut besten Beitrag zu finden. Du klickst auf eines der ersten Ergebnisse, scannst den Inhalt – und wenn er Deine Frage beantwortet, bist Du zufrieden. Die Suche ist beendet.


Wenn das Ergebnis Deine Frage nicht beantwortet, passiert etwas, das für Suchmaschinen hochrelevant ist: Du gehst zurück. Du klickst das nächste Ergebnis. Und genau dieses Verhalten – in der SEO-Welt als Pogo-Sticking bekannt – ist eines der stärksten negativen Signale, das Du senden kannst.



Long Clicks, Short Clicks und die Sprache der Zufriedenheit


Google unterscheidet intern zwischen „Long Clicks" und „Short Clicks". Ein Long Click bedeutet: Du klickst auf ein Ergebnis und bleibst dort. Du liest, Du scrollst, Du interagierst. Das ist ein positives Signal – es sagt Google: „Dieser Mensch hat gefunden, was er gesucht hat."


Ein Short Click ist das Gegenteil: Du klickst, wirfst einen kurzen Blick auf die Seite und kehrst innerhalb von Sekunden zurück zur Suchergebnisseite. Das ist Pogo-Sticking in seiner reinsten Form. Und die Daten dazu sind ernüchternd: In einer Analyse von 120 Seiten über drei Branchen verloren Seiten im unteren Quartil der Verweildauer durchschnittlich 6,4 Ranking-Positionen innerhalb von acht Wochen. Seiten, die Pogo-Sticking reduzierten, erholten sich messbar – aber erst nach 6 bis 12 Wochen.


Hier liegt ein wichtiger Aha-Moment: Google misst nicht direkt, ob eine Seite „gut" ist. Google misst, ob Du sie für gut hältst. Die Absprungrate allein ist dabei nicht aussagekräftig – jemand kann einen Blogbeitrag zehn Minuten lang lesen und dann den Tab schließen. Das ist technisch ein „Bounce", aber inhaltlich ein Volltreffer. Was Google wirklich interessiert, ist die Kombination: Bist Du zurückgekehrt zur Suche? Wie lange hast Du gebraucht? Hast Du danach etwas anderes angeklickt?



Cognitive Load: Warum Dein Gehirn manche Seiten sofort verlässt


Und dann gibt es noch einen Faktor, der überraschend wenig Beachtung bekommt: Cognitive Load. Der Psychologe John Sweller prägte 1988 die Cognitive Load Theory – die Erkenntnis, dass unser Arbeitsgedächtnis nur eine begrenzte Menge an Informationen gleichzeitig verarbeiten kann.


Für Websites bedeutet das: Überladene Layouts, unklare Navigation, Werbebanner, Pop-ups, inkonsistente Schriften – all das erzeugt sogenannte extraneous cognitive load. Also unnötige mentale Reibung, die nichts mit dem eigentlichen Inhalt zu tun hat. Die Folge? Dein Gehirn macht genau das, was es evolutionär gelernt hat: Es spart Energie und verlässt die Situation. In der Sprache der Suchmaschinen: ein Short Click. In der Sprache der Psychologie: eine rationale Vermeidung von kognitiver Überlastung.


Pirolli und Cards Information Foraging Theory sagt dazu: Wenn der „Informationsgeruch" auf einer Seite schwach wird – wenn Du das Gefühl hast, die Information ist zwar irgendwo hier, aber Du müsstest dafür arbeiten – dann gehst Du. Nicht weil Du faul bist. Sondern weil Dein Gehirn die Kosten-Nutzen-Rechnung in Echtzeit durchführt und entscheidet: Der Aufwand lohnt sich nicht.


Und Google lernt daraus. Jedes. Einzelne. Mal.



Und jetzt? AI Overviews und die Zukunft der Suche


All das wird gerade noch komplexer. Seit 2024 baut Google sogenannte AI Overviews in die Suchergebnisse ein – KI-generierte Zusammenfassungen, die Deine Frage direkt beantworten, bevor Du überhaupt eine Website anklickst. Mittlerweile nutzen über 1,5 Milliarden Menschen diese Funktion monatlich.


Die Auswirkungen sind dramatisch: Eine Studie von Seer Interactive über 3.119 Suchanfragen zeigt, dass die organische Klickrate bei Anfragen mit AI Overviews um 61 Prozent gefallen ist – von 1,76 Prozent auf 0,61 Prozent. Selbst bei Anfragen ohne AI Overviews sank die organische CTR um 41 Prozent.


Was bedeutet das? Die Schwelle, ab der jemand tatsächlich auf Deine Website klickt, steigt massiv. Wenn Google die Antwort schon in der Suche liefert, brauchst Du einen verdammt guten Grund, warum jemand trotzdem klicken sollte. Oberflächlicher Content, der nur wiederholt, was überall steht, verliert rapide an Wert. Was bleibt, ist genau das, was Suchmaschinen nicht selbst generieren können: Tiefe, Perspektive, echte Expertise und die Art, wie Du Dinge erklärst.



Was das alles für Dich bedeutet


Hier ist die Erkenntnis, die diesem Beitrag zugrunde liegt: Suchmaschinen sind keine technischen Black Boxes, die nach mysteriösen Regeln entscheiden. Sie sind – im Kern – Übersetzungsmaschinen für menschliches Verhalten. Sie beobachten, wie Menschen auf Inhalte reagieren, und nutzen diese Reaktionen, um zu lernen, was Zufriedenheit erzeugt.


Dein Klickverhalten, Deine Verweildauer, Dein Zurückkehren zur Suche – das sind keine abstrakten Metriken. Es sind psychologische Signale. Signale dafür, ob eine Seite Deinen kognitiven Bedürfnissen gerecht wird, ob der Informationsgeruch stimmt, ob Du dieses „gut genug" gefunden hast.


Wer für Suchmaschinen schreibt, ohne zu verstehen, warum Menschen so suchen, wie sie suchen, optimiert Symptome statt Ursachen. Die eigentliche Frage war nie: „Wie bringe ich Google dazu, meine Seite zu mögen?" Die Frage war immer: „Wie schaffe ich es, dass ein Mensch bei mir aufhört zu suchen?"


Denn genau das ist es, was Google belohnt: den Moment, in dem Du als Nutzer ankommst.

 
 
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